»Hier konnte ich zum ersten Mal die Maske absetzten und sein, wie ich bin.«
Wie soziale Kontakte als stabilisierender Faktor wirken können
Soziale Kontakte stellen einen zentralen Schutzfaktor für die psychische Gesundheit dar. Zahlreiche psychologische und sozialwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass zwischenmenschliche Beziehungen wesentlich dazu beitragen, emotionale Stabilität zu fördern, Stress zu reduzieren und das subjektive Wohlbefinden zu steigern.
Aber was oder wer genau ist denn mit sozialen Kontakten gemeint?
Gemeint sind direkte, menschliche Begegnungen und der Austausch mit anderen Menschen.
Konkreter: Familie und enge Bezugspersonen, Freund*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen, therapeutische oder betreuende Fachkräfte (wie z.B. Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen,
Therapeut*innen), Selbsthilfegruppen oder Vereine.
Wichtig ist, dass der Kontakt regelmäßig, respektvoll und freiwillig ist und positive, unterstützende Interaktionen fördert. An diesem Ziel arbeiten auch die Tagesstätten „Hoffnung“ in Quedlinburg, „Horizont“ in Halberstadt und „Unter dem Regenbogen“ in Aschersleben und das Ambulant betreute Wohnen der AWO Kreisverband Harz e.V. täglich - gemeinsam mit allen Assistenznehmer*innen.
Was bringen soziale Kontakte?
Soziale Interaktionen stellen vor allem bei Betroffenen psychischer Erkrankungen häufig Herausforderungen dar. Ein selbstverständliches Gespräch zwischen Nachbarn kann für Frau X. selbstverständlich sein, Herrn Y. aber große Überwindung kosten.
Innerhalb der Tagesstätten berichten Assistenznehmer*innen häufig von einer Art geschütztem Rahmen, in dem sie erstmals Einbindung, Akzeptanz und Zugehörigkeit erleben durften.
Die Gruppenangebote der Tagesstätten und die Beratung und Begleitung des Ambulant betreuten Wohnens sorgen bei Betroffenen für:
- Eine Verringerung der Einsamkeit und ein Gefühl der Zugehörigkeit
- Stärkung von Selbstwert und Identität
- Emotionale Unterstützung: Gespräche, Zuhören und Verständnis vermindern Stress und Angst
- Struktur und Orientierung: soziale Aktivitäten als Rituale in der Alltagsbewältigung
- Das Erkennen von Bewältigungsstrategien und persönlichen Ressourcen
- Stigmaabbau und Akzeptanz: Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen verbessern Verständnis und verringern Schamgefühle
- Förderung von Teilhabe: soziale Kontakte erleichtern Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Beruf oder Bildung
- frühe Hilfen: vertraute Ansprechpersonen erkennen Warnsignale früh und unterstützen rechtzeitig
»Psychisch erkrankte Menschen dürfen nicht ausgeschlossen oder verurteilt werden«
So lautet das Appell von Frau S. an alle Menschen. Frau S. ist Assistenznehmerin der Tagesstätte „Hoffnung“ in Quedlinburg und berichtete innerhalb ihrer eigenen Podcastfolge in „Kopfnuss – Ich will gehört werden“ von ihren Gedanken, Sorgen und Ängsten und davon wie es ist, mit Vorurteilen und Stigmatisierung konfrontiert zu sein.
Die Möglichkeit innerhalb der Tagesstätte, „so sein zu dürfen, wie man ist“, mit Menschen in Kontakt zu treten und Akzeptanz zu erleben, gab ihr Kraft, Mut und neue Lebensfreude.
Dieser positive Effekt, den Frau S. hier beschrieb, entsteht unter anderem durch die Gruppendynamik innerhalb der benannten Einrichtungen. Gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, nicht allein mit den eigenen Schwierigkeiten zu sein, wirken entlastend. Häufig entstehen aus den Kontakten der Tagesstätte auch freundschaftliche Beziehungen über den Rahmen der Einrichtung hinaus.
Insgesamt zeigen Erfahrungen aus der psychosozialen Praxis, dass soziale Kontakte weit über den bloßen Austausch hinausgehen. Sie bieten emotionale Unterstützung, strukturieren den Alltag und ermöglichen soziale Teilhabe. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen können stabile Beziehungen daher ein entscheidender Baustein auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit, Lebensqualität und gesellschaftlicher Integration sein.
P. Krug
Mitarbeiterin der Tagesstätte „Hoffnung“
