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Ein Garten, der mehr wachsen lässt als nur Gemüse

Im Rambergweg in Quedlinburg liegt ein Ort, an dem Tomaten, Kräuter, alte Gemüsesorten und manchmal sogar neue Zuversicht wachsen: der Tafelgarten des AWO Kreisverband Harz e.V.

Was heute eine blühende Oase der Begegnung, Bildung und Wertschätzung ist, begann im Jahr 2015 mit einem brachliegenden Grundstück, das die Stadt Quedlinburg dem AWO Kreisverband Harz e.V. zur Verfügung stellte. Seitdem hat sich der Garten Schritt für Schritt entwickelt. Aus ungenutzter Fläche ist ein lebendiger Ort geworden, der für viele Menschen weit mehr bedeutet als Beete, Ernten und Gartenarbeit.

Seit 2022 wird der Tafelgarten durch das VHS-Bildungswerk in Kooperation mit dem Eigenbetrieb Kommunale Beschäftigungsagentur Jobcenter Landkreis Harz, kurz KoBa, bewirtschaftet. Möglich wird dies durch Arbeitsgelegenheiten, sogenannte AGH-Maßnahmen. Ihre Bewilligung muss jedes Jahr neu erfolgen, derzeit jeweils bis Ende Oktober. Für den Tafelgarten ist diese jährliche Weiterbewilligung von zentraler Bedeutung. Denn ohne die AGH-Maßnahme würde nicht nur ein Gartenprojekt wegbrechen. Verloren ginge ein Ort, der für die Tafel, für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, für die Nachbarschaft und für die Stadtgesellschaft einen besonderen Wert hat.

Die Arbeit im Tafelgarten ist anspruchsvoll und wird von Jahr zu Jahr intensiver. Der Anbau erfolgt rein biologisch. Viele Pflanzen werden selbst gezogen, eigener Kompost wird genutzt, im Herbst wird Pferdemist als natürlicher Dünger eingearbeitet. Inzwischen gehört auch der Anbau alter Pflanzen- und Gemüsesorten zu den Aufgaben. Damit wird der historische Bezug zur Stadt Quedlinburg aufgegriffen und sichtbar gemacht. Gerade diese alten Sorten sind jedoch nicht immer leicht zu beschaffen. Saatgut ist teilweise schwer erhältlich, manche Sorten reagieren empfindlicher auf Wetter- und Umwelteinflüsse. Umso mehr braucht es Erfahrung, Geduld und Menschen, die sich verlässlich kümmern.

Genau diese Verlässlichkeit zeigen die derzeitigen AGH-Teilnehmer im Tafelgarten jeden Tag. »Sie kommen gern, arbeiten motiviert mit und bringen sich mit großer Eigeninitiative ein. Krankmeldungen sind selten. Viele erleben den Garten als Ort, an dem sie gebraucht werden, an dem ihre Arbeit sichtbar wird und an dem sie etwas Sinnvolles für andere Menschen leisten können. Das ist nicht selbstverständlich«, sagt Projekt-Anleiter Thomas Jung.Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer leben laut Jung mit persönlichen oder gesundheitlichen Einschränkungen, die eine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt erschweren oder derzeit unmöglich machen. Der Tafelgarten bietet ihnen eine Aufgabe, Struktur und Anerkennung. Er zeigt sehr praktisch, dass Teilhabe nicht erst auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beginnt, sondern dort, wo Menschen ihre Fähigkeiten einbringen können.

Wie viel Eigeninitiative und handwerkliches Geschick im Tafelgarten stecken, zeigt sich an vielen Stellen. Als der Eigentümer eines Nachbargartens Gehwegplatten anbot, wurden diese von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eigenständig genutzt, um Wege zwischen den Beeten anzulegen. Auch ein hübscher Zaun, der die Beete vom übrigen Bereich des Tafelgartens trennt, entstand in Eigenarbeit. Selbst im Winter ruht die Arbeit nicht. Dann werden Möbel, Zäune und andere Elemente aufgearbeitet. Geplant sind unter anderem die Sanierung des in die Jahre gekommenen Insektenhotels und die Instandsetzung des Stockhauses.

Auch die Nachbarschaft steht dem Tafelgarten wohlwollend gegenüber. Wenn die eigenen Regentonnen leer sind, bieten Nachbarn beispielsweise an, den Wasseranschluss mit zu nutzen. Diese Unterstützung zeigt, dass der Tafelgarten längst mehr ist als ein internes Projekt. Er ist Teil eines gewachsenen Miteinanders.

Von der Arbeit im Garten profitiert auch die Tafel Quedlinburg|Halberstadt|Wernigerode unmittelbar. Die jährlichen Ernten sind beachtlich. Nicht selten kommen allein mehr als 100 Kilogramm Tomaten zusammen. Obst, Gemüse und Kräuter bereichern das Angebot der Tafel und kommen Menschen zugute, die auf Unterstützung angewiesen sind. In diesem Jahr trägt sogar der Kirschbaum im Tafelgarten zum ersten Mal Früchte. Aus den Kirschen soll Marmelade für die Tafel hergestellt werden. Es sind solche konkreten Ergebnisse, die zeigen, wie unmittelbar und greifbar der Nutzen des Gartens ist.

Der Tafelgarten verbindet soziale Teilhabe, ökologische Bewirtschaftung, regionale Verantwortung und praktische Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenslagen. Er ist ein Ort, an dem Arbeit Sinn stiftet, Ernten geteilt werden und Menschen Wertschätzung erfahren. Dass all dies jedes Jahr erneut von der Weiterbewilligung der AGH-Maßnahme abhängt, macht deutlich, wie wichtig eine verlässliche Perspektive für dieses Projekt ist.

Würde der Tafelgarten nicht weiterbewilligt, wäre das ein herber Verlust für alle Beteiligten: für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die dort eine sinnvolle Aufgabe finden; für die Tafel, die von den Ernten profitiert; für die Nachbarschaft, die den Garten als lebendigen Ort erlebt; und für Quedlinburg, dessen historische Garten- und Pflanzenkultur hier auf soziale Weise weitergetragen wird.

Der Tafelgarten zeigt, was entstehen kann, wenn öffentliche Unterstützung, fachliche Begleitung, bürgerschaftliches Wohlwollen und persönliche Motivation zusammenkommen. Er verdient deshalb nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch eine Zukunft.

Mandy Politz

Fachassistentin der Geschäftsführung

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