Tafel Deutschland-Geschäftsführerin Sirkka Jendis zu Gast bei der AWO in Quedlinburg
Ihr Buch „Armut hat System“ ist ein Appell für eine soziale Zeitwende in Deutschland
Am vergangenen Mittwoch hatte der AWO Kreisverband Harz e.V. in Quedlinburg die Ehre, Sirkka Jendis, die Geschäftsführerin der Tafel Deutschland, willkommen zu heißen. In den Räumlichkeiten der AWO stellte sie ihr aufrüttelndes Buch „Armut hat System“ vor, das zahlreiche interessierte Besucher anlockte.
In ihrer Präsentation teilte Sirkka Jendis ihre Sicht und Erfahrungen zum Thema Armut in Deutschland. Sie betonte, dass wir es uns nicht leisten können, Teile der Bevölkerung auszugrenzen. Besonders betroffen von Ausgrenzung seien Menschen mit geringem Einkommen und von Armut Betroffene, die oft in einer prekären Lebenssituation gefangen sind. Jendis machte deutlich, dass niemand sich aussuche, arm zu sein.
Ein wichtiger Punkt, den sie ansprach, ist, dass nur ein sehr kleiner Prozentsatz von 0,4 Prozent der Bürgergeldbezieher nicht an einer aktiven Veränderung ihrer Situation interessiert sei. Der überwiegende Teil habe den Willen und die Bereitschaft, jedoch schlechte Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt, was auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sei: Krankheit, die Pflege von Angehörigen, Alleinerziehend-Sein und ein Migrationshintergrund seien nur einige der Herausforderungen, mit denen diese Menschen konfrontiert sind. Damit entkräftete Jendis eines der häufigsten Vorurteile vor allem gegenüber Bürgergeldempfängern, denen oft vorgeworfen würde, sich freiwillig auf die „soziale Hängematte“ zu legen.
Jendis warnte davor, dass arme Menschen sich durch Ausgrenzung noch weiter zurückziehen und somit noch weniger Teil der Gesellschaft werden würden. Ihre Chancen auf ein besseres Leben sinke somit weiter. Auch die Problematik der zu geringen Löhne wurde angesprochen; viele Menschen seien trotz Arbeit von Armut betroffen.
Ein weiteres zentrales Thema, das Jendis ansprach, ist die Einsamkeit, die für viele von Armut betroffene Menschen ein großes Problem darstelle. Stigmatisierung und Vorurteile erschweren es, arme Menschen in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigen.
Im Publikum wurden Fragen laut, die sich mit den Ursprüngen dieser Vorurteile beschäftigten. Ein Besucher hatte den Verdacht geäußert, dass auch die Medienlandschaft eine entscheidende Rolle dabei spiele, wenn es um die Spaltung der Gesellschaft geht. Er kritisierte, dass viele Berichte und Artikel, auch der öffentlich-rechtlichen Medien, oft reißerisch und populistisch seien, dabei jedoch wichtige Fakten außer Acht ließen. Diese Art der Berichterstattung führe seiner Meinung nach zu einer Verrohung der Gesellschaft und schüre das Bild, dass arme Menschen sich freiwillig gegen Arbeit und für Bürgergeld entschieden hätten.
Sirkka Jendis konnte dieser Vermutung teilweise zustimmen. Sie machte die heutigen Algorithmen und den Zeitdruck der Redakteure verantwortlich, die oftmals dazu führen würden, dass stigmatisierende Berichte häufiger gesehen und beachtet und damit auch in Sozialen Medien kommentiert würden. Dies habe für viele von Armut betroffene Menschen gravierende Folgen: Scham, Stress und Vereinsamung. Viele Hilfebedürftige scheuen sich demnach, die Unterstützung anzunehmen, die ihnen zusteht. Der Gang zur Tafel werde für sie oft zu einer mit Scham behafteten Hürde.
In diesem Zusammenhang lobte Jendis die wertvolle Arbeit der Tafeln in Deutschland. Diese Organisationen tragen nicht nur zur Eindämmung von Lebensmittelverschwendung bei, sondern helfen auch, dass von Armut betroffene Menschen wieder unter Leute kommen und sich gesehen sowie wertgeschätzt fühlen.
Eine weitere Besucherin der Lesung teilte ihre persönlichen Erfahrungen mit Armut. Sie berichtete von einer Bekannten, die jahrzehntelang gearbeitet hatte, dann jedoch an Krebs erkrankte und Hilfe vom Jobcenter beantragen musste. Das Jobcenter verlangte von ihr, zunächst ihr Eigenvermögen aufzubrauchen und ihr Hab und Gut offenzulegen, bevor sie Unterstützung in Form von (damals noch) „Hartz IV“ erhalte. All die Jahre, in denen sie für ihr Einkommen gearbeitet hatte, fühlten sich für die Betroffene wie ausradiert an. Diese Geschichte verdeutlichte einmal mehr, dass es ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass man von heute auf morgen Bürgergeld beantragen und sich davon einem Leben in Luxus und Faulheit hingeben könne.
Im weiteren Gesprächsverlauf brachten nicht nur das Publikum, sondern auch die Moderatorin der Buchlesung, Elke Kürschner vom Mitteldeutschen Rundfunk, Vergleiche zwischen verschiedenen Berufen zur Sprache. Ein zentrales Thema war die ungleiche Vergütung in verschiedenen Berufsfeldern. So wurde bemängelt, dass eine Frisörin oft nur einen geringen Lohn erhalte, während ein Fußballprofi ein Vielfaches verdiene. Auch die Erben großer Familienunternehmen wurden in diesem Zusammenhang erwähnt, die ohne eigene Leistung mehrere Millionen Euro erben würden.
Diese Vergleiche führten zu einer intensiven Debatte darüber, was Leistung eigentlich bedeute. Die Frage, ob beispielsweise ein Müllmann, der täglich für die Sauberkeit der Stadt sorgt, mehr leistet als jemand, der vom Schreibtisch aus die Abläufe koordiniert, wurde von den Anwesenden lebhaft diskutiert.
Sirkka Jendis betonte in diesem Kontext die Rolle der Politik. Sie machte deutlich, dass es „die Politik“ nicht als einheitliches Konstrukt gebe, sondern dass politische Entscheidungen und Beschlüsse das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler Personen seien.
Besondere Beachtung genoss die Anwesenheit von Florian Fahrtmann, dem Direktkandidaten der SPD für den Bundestag im Wahlkreis 68 (Harz und Salzlandkreis). Der gelernte Altenpfleger brachte seine eigenen Erfahrungen in die Diskussion ein und zollte den Tausenden von Ehrenamtlichen Respekt, die täglich Solidarität und Menschlichkeit leben. Fahrtmann zeigte sich interessiert an Lösungsansätzen und beteiligte sich aktiv an den Fragen und Anregungen der Besucher. Er bemängelte dabei auch die Haltung anderer Politiker, die sich ebenfalls von den gängigen Narrativen beeinflussen ließen, und die Schuld und Verantwortung bei den von Armut betroffenen Menschen sehen würden. Auch hierbei würden tatsächliche Fakten oft unberücksichtigt bleiben, so in etwa bei der Frage, ob man den Fachkräftemangel im Land nicht einfach mit den vielen Bürgergeldempfängern abdecken könne, indem man diese durch Zwang und/oder Bestrafung, wie Leistungskürzungen, zu einer Arbeitsaufnahme bewegen würde.
Ein weiteres Thema, welches an diesem Abend für Diskussionen sorgte, war Migration und der Umgang mit Geflüchteten. Dieses regte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen an, die damit verbunden seien.
Florian Fahrtmann (SPD) hatte zuvor über einen Vorschlag einzelner Politiker berichtet, Geflüchtete zu gemeinnütziger Arbeit zu zwingen. Das sorgte für kontroverse Reaktionen im Publikum. Ein Teilnehmer wies darauf hin, dass Menschen unter Angst und Zwang niemals ihr volles Potenzial entfalten und somit keine gute Arbeit leisten könnten. Diese Perspektive wurde von vielen Anwesenden geteilt und verdeutlichte, dass Zwang nicht die Lösung für den Fachkräftemangel sein könne.
Sirkka Jendis unterstützte diese Argumentation und betonte, dass es nicht zielführend sei, Gruppen und Menschen gegeneinander in Stellung gebracht werden. Sie appellierte an alle Anwesenden, sich gegen Fakenews und die Spaltung der Gesellschaft zu wehren. Ihre Botschaft richtete sich nicht nur an die Bevölkerung, sondern auch an Politiker und Medien, die eine Verantwortung tragen, eine inklusive und respektvolle Diskussion zu fördern.
Ein zentrales Anliegen von der Tafel Deutschland-Chefin war es, dass wir alle zusammenhalten müssen, um Armut und Ausgrenzung entgegenzuwirken. Sie machte deutlich, dass Armut kein individuelles Schicksal sei, sondern ein systematisches Problem, das gemeinschaftlich angegangen werden muss.
Die Buchlesung mit Sirkka Jendis war somit nicht nur eine literarische Veranstaltung, sondern auch ein wichtiger Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Die anregenden Diskussionen und der Austausch von Ideen zeigten, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen und Lösungen zu finden, die auf Verständnis und Zusammenarbeit basieren.
Mandy Politz
Fachassistentin des Geschäftsführers
