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Darüber spricht man nicht …

Psychische Erkrankungen sind noch immer ein Tabuthema

„Du warst in der Klapsmühle?“ – Schon der abfällige Unterton in diesem Satz bereitet Unbehagen. Er schickt uns gedanklich an einen Ort, an den wir Menschen verbannen, die wir als inkompetent und schwach abstempeln. Wir schieben sie in eine Schublade, anstatt ihnen in einer schwerwiegenden Gesundheitsproblematik zu helfen. Lange Zeit wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen einfach „weggesperrt“, ihnen die Autonomie genommen und mit körperlichen Sanktionen bis hin zur Lobotomie* die Erkrankung „ausgetrieben“. Einmal in der Psychiatrie, war ein Entrinnen in ein „normales Leben“ kaum mehr möglich. Die Betroffenen konnten somit nicht über ihre Situation reden, das Umfeld schwieg sich aus. Familienmitglieder in der psychiatrischen Klinik wurden nicht selten verheimlicht, um den „guten Ruf“ zu wahren.



Die menschenverachtenden Behandlungsmethoden und Umgangsformen sind heute glücklicherweise abgeschafft. Die moderne Psychiatrie hat mit ihnen nichts mehr zu tun. Stattdessen bietet sie individuelle Hilfestellungen mit vielfältigen Therapien. Je nach Art der Erkrankung kann die Therapie auch ohne Medikamente auskommen. Bisweilen kann erst durch deren Unterstützung die Lebensqualität für den Menschen zurückgewonnen werden. Doch die Stigmatisierung in den Köpfen ist geblieben. Über psychische Erkrankungen „spricht man nicht“.

Die große Ausnahme: Burn-Out. Die Bezeichnung, die als Synonym für eine Erschöpfungsdepression häufig im Rahmen von Überarbeitung entsteht, ist regelrecht „salonfähig“, da sie als das Resultat von hohem Engagement und Fleiß gilt. Dennoch sehen viele Menschen auch in dieser Variante der psychischen Erkrankung Zeichen von Schwäche und mangelnder Leistungsfähigkeit.

Die Gesellschaft hat ganze Arbeit geleistet und hält in den Medien unserer modernen Welt gerne am „schönen Schein“ fest. Der „normale“ Mensch strebt nach Glück, Erfolg und Zweisamkeit, nach Zufriedenheit und Frieden. Aber: Die glückliche Familie, das verliebte Paar, die erfolgreichen Karrieremenschen lächeln uns in den Medien entgegen und vermitteln ein Bild, das selten der Realität standhält.

Für psychische Erkrankungen ist in dieser Welt kein Platz. Und wenn doch, dann nur, um die Skandale der Celebrities und Fehlbarkeiten Prominenter zu begründen. Oder noch schlimmer: In direkter Verbindung mit Unglücksfällen und tragischen Ereignissen. Man denke nur an den Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine im Jahr 2015 sowie die Amokläufer von Ansbach und München. Diese Verbindung zwischen Extremsituationen und psychischen Erkrankungen erschweren den Abbau von Vorurteilen vehement.

Fakten schaffen, Vorurteile abbauen

Glücklicherweise wandelt sich das Bild der psychischen Erkrankungen seit einigen Jahren. Und auch, wenn das Leistungsprinzip noch immer im Mittelpunkt des Alltags steht, sind heute Aspekte wie eine gute Lebensqualität, eine ausgewogene Work-Life-Balance und der Wert der psychischen sowie der physischen Gesundheit so präsent wie wohl nie zuvor. Das Bewusstsein für Selbstwert und Selbstfürsorge wächst und sorgt für eine schrittweise Enttabuisierung der Problematik von psychischen Erkrankungen.

Wir, der AWO Kreisverband Harz e.V., nutzen die modernen sowie klassische Medien, um auf die Problematik der Erkrankten aufmerksam zu machen und das Bild der Erkrankungen in der Öffentlichkeit zu verändern. Ein schönes Beispiel hierfür ist das Projekt „Podcast KopfNuss“, die jeden Betroffenen einlädt, sich an der Beendung einer Stigmatisierung zu beteiligen.

Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen. Es trifft arme und reiche Menschen, Alte und Junge, genauso wie Frauen und Männer. Helfen Sie mit und werfen Sie Ihre Vorurteile über Bord, indem Sie sich über diese Erkrankungen und bei Betroffenen informieren.

Gern durch unseren Podcast „KopfNuss“ – hören Sie einfach rein.

*Die Lobotomie ist eine neurochirurgische Operation, bei der die Nervenverbindung zwischen Thalamus und Frontallappen, sowie Teile der grauen Substanz durchtrennt werden. Der irreversible Eingriff hatte häufig fatale Folgen für die Patienten und wurde deshalb in den 1950er Jahren verboten.

Marlen-Kramer Hirtz, Bereichsleitung Eingliederungshilfe

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