100 Jahre Hilfe auf Augenhöhe
Arbeiterwohlfahrt feiert 100-jähriges Bestehen mit Fachveranstaltung in Halberstadt. AWO-Gründerin Marie Juchacz erzählt auf der Theaterbühne aus ihrem bewegten Leben.
Seit 100 Jahren unterstützt die Arbeiterwohlfahrt sozial schlechter gestellte Menschen, betreibt Kindertagesstätten, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder Senioren und vieles mehr. Das Jubiläum hat der AWO Kreisverband Harz e. V. nun zum Anlass genommen, gemeinsam mit etwa 100 Gästen in der Kammerbühne Halberstadt zu ergründen, warum die Arbeiterwohlfahrt damals nötig war – und warum sie auch heute unverzichtbar für unsere Gesellschaft ist.
Beim Fachtag „Marie Juchacz auf der Spur. – Warum sich die AWO gründen musste“ unternahmen die Gäste nach der Eröffnung durch den Vorsitzenden des Kreisverbands, Dirk Michelmann, zunächst eine Reise ins Deutschland von 1949. Marie Juchacz, Gründerin war gerade aus dem Exil in den USA zurückgekehrt und lebte bei ihrem Sohn Paul nahe Koblenz am Rhein. Schauspielerin Anja Grasmeier schlüpfte dafür in die Rolle Juchacz‘, die in ihrem neuen Zuhause die zahllosen Briefe und Postkarten durchsieht. Aus einem Brief liest sie laut vor und muss dabei lächeln: „Gibt dir det Leben mal’n Knuff, dann weene keene Träne, setz dir uff’ne Bank und baumle mit de Beene.“ Es sind Glückwünsche ihrer Vertrauten, Lotte Lemke, zum 70. Geburtstag.
So spielerisch zurückversetzt, berichtet sie dem Publikum aus Sicht der AWO-Gründerin von ihrem Leben und politischem Wirken. Wie sie als Hausangestellte und später als Näherin arbeitete. Wie sie es wagte, ihren Mann zur Rede zu stellen, als er Geld aus der gemeinsamen Kasse nahm. Als er zuschlug, verließ sie ihn und nahm die beiden Kinder mit – ein extrem ungewöhnlicher Schritt in einer Zeit, in der Frauen nicht wählen und ohne Zustimmung ihres Mannes nicht einmal ein Bankkonto eröffnen durften.
Sie ging nach Berlin, später nach Köln, wo sie das Sekretariat für Frauenfragen bei der Sozialdemokratischen Partei übernahm. Schon zu dieser Zeit reifte der Gedanke, die Frauenbewegung mit praktischer sozialer Arbeit zu verbinden. „Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung wusste ich, dass sich die Arbeiter in jeder Lage kameradschaftlich zu helfen suchten“, so „Marie“ alias Anja Grasmeier. Der Krieg ließ kein Überlegen mehr zu. Ihre Anstrengung, Bedürftigen zu helfen, mündet schließlich 1919 in der Gründung des „Hauptausschuss der Arbeiterwohlfahrt“.
Den Mut Juchacz‘, die ihrer politischen Überzeugung Zeit ihres Lebens treu blieb, würdigt Petra Grimm-Benne, Ministerin für Arbeit, Soziales und Integration, in ihrem Grußwort.
Die gelungenen schauspielerischen Einlagen werden durch Fachbeiträge verschiedener Referenten ergänzt. So schildert Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz die Situation und Traditionen in Deutschland zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Gerade Frauen waren damals in der Verantwortung, mussten ihr Leben selbst in die Hand nehmen und ihre Familien und Kinder versorgen. Denn die Männer waren entweder noch an der Front, verwundet oder bereits tot.
Vor allem die sozialdemokratischen Frauen sorgten während des Krieges dafür, dass die Gesellschaft nicht zusammenbrach. Sie veränderten sie durch praktische Solidarität, die jenen zuteilwurde, die unter den Auswirkungen des Krieges litten. Das bedeutete vordergründig, dass sich Betroffene gegenseitig halfen, wie Prof. Dr. C. Wolfgang Müller in seinem Beitrag verdeutlicht. Diese Hilfe zur Selbsthilfe ist noch heute ein Leitsatz der Sozialdemokratie und der Arbeiterwohlfahrt. Sofern die gesellschaftlichen Bedingungen stimmen, kann jeder sein Leben eigenständig und eigenverantwortlich führen.
Im Ersten Weltkrieg und in den Jahren danach ermöglichten dies Suppenküchen, Nähstuben, Schreibstuben und viele weitere Angebote. Statt Almosen, die von oben nach unten gereicht wurden, begegneten sich Helfende und Hilfebedürftige auf Augenhöhe, führt Müller aus. Diese Sichtweise hielt mit Fortentwicklung der Arbeiterwohlfahrt auch Einzug in die Soziale Arbeit, die bis heute nach diesem Prinzip handelt. Barbara Höckmann, Präsidentin des Landesverbandes Sachsen-Anhalt der AWO, fasste diesen Aspekt in ihrem Grußwort mit dem Zitat zusammen: „Nicht Milch und Quark, sondern Solidarität macht uns stark!“
Zuletzt wagen Prof. Dr. Ursula Birsl und Rudolf Dreßler (SPD) einen Blick in die Zukunft des Sozialstaats und der Wohlfahrtsverbände. Neoliberale Orientierungen, die propagieren, dass jeder seines Glückes Schmied sei, zerstören die solidarische Gesellschaft. Hilfe und Unterstützung werden zu Dienstleistungen, die in diesem Gesellschaftsmodell nur noch gegen Gegenleistung in Form von Vorteilen oder gar Geld zu erwarten sind. Alles in Allem: Soziale Arbeit und Wohlfahrtspflege sind und bleiben politische Arbeit, darin waren sich die Experten einig. Der anhaltende Applaus des Auditoriums unterstrich die Aussage eindrucksvoll.
