Interview mit einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung (DIS)
Wir, die Einrichtungen der Eingliederungshilfe beim AWO Kreisverband Harz e.V., arbeiten täglich mit Menschen, welche mit seelischen Beeinträchtigung bzw. psychischen Erkrankungen ihren Alltag leben. Nachstehend erzählt eine Assistenznehmer*in, unserer Hilfe Ambulant Betreutes Wohnen (ABW), wie sie mit der Diagnose DIS lebt.
Betroffene: Mein Name ist Anna, ich bin 32 Jahre alt und lebe mit einer diagnostizierten dissoziativen Identitätsstörung. Für mich und die anderen in meinem Umfeld ist es wichtig, über das Thema zu sprechen, um Bewusstsein zu schaffen.
ABW: Können Sie für diejenigen, die vielleicht nicht vertraut sind, erklären, was eine dissoziative Identitätsstörung ist?
Anna: Sicher. DIS ist eine psychische Erkrankung, die oft durch schwere Traumata in der frühen Kindheit entsteht. Sie äußert sich durch das Vorhandensein von zwei oder mehr verschiedenen Identitäten oder "Persönlichkeiten" in einer Person. Diese Identitäten, oft "Anteile" genannt, haben eigene Erinnerungen, Verhaltensweisen und manchmal sogar unterschiedliche Vorlieben oder Fähigkeiten. Das Wechseln zwischen den Anteilen wird "Switch" genannt und passiert oft unwillkürlich.
ABW: Wie haben Sie selbst bemerkt, dass Sie betroffen sind? Und wie wurde die Diagnose gestellt?
Anna: Lange Zeit habe ich nicht verstanden, warum ich mich an bestimmte Dinge nicht erinnern konnte oder warum es Tage gab, an denen ich das Gefühl hatte, jemand anderes zu sein. Erst als ich in Therapie ging, wurden diese Muster klarer. Die Diagnose kam nach vielen Gesprächen mit meiner Therapeut*in und einer genauen Beobachtung meiner Erlebnisse und Verhaltensweisen.
ABW: Wie gehen Sie und Ihr Umfeld heute mit der Erkrankung um?
Anna: Es ist ein ständiger Lernprozess. Wir arbeiten eng mit einer Therapeut*in und der der Hilfe ABW, um besser miteinander zu kommunizieren. Ich sage „wir“, weil es wirklich ein Team ist. Wir führen ein Tagebuch, um Ereignisse und Gedanken festzuhalten, und haben feste Strukturen, die helfen, das Leben stabil zu halten. Selbstfürsorge ist auch extrem wichtig, weil Stress die Symptome verstärken kann.
ABW: Wie wirkt sich die Erkrankung auf Ihren Alltag aus?
Anna: Das hängt von der Tagesform ab. Manchmal ist alles relativ ruhig, und ich kann meinen Tag wie geplant bewältigen. An anderen Tagen sind die Switches häufiger, und es fühlt sich chaotischer an. Das kann vor allem im Beruf oder in sozialen Situationen schwierig sein. Deshalb ist es wichtig, dass ich mein Umfeld informiere, soweit ich mich damit wohlfühle.
ABW: Gibt es Missverständnisse über DIS, mit denen Sie häufig konfrontiert werden?
Anna: Ja, viele Menschen denken, dass wir "gefährlich" oder "unberechenbar" sind, was durch Medien oft verstärkt wird. In Wirklichkeit sind wir meistens Menschen, die versucht haben, extrem schwierige Situationen zu bewältigen. Ein anderes Missverständnis ist, dass es einfach nur "Stimmungswechsel" sind. Es ist viel komplexer.
ABW: Welche Ressourcen oder Strategien haben Ihnen geholfen, besser mit der Erkrankung zu leben?
Anna: Therapie ist der Schlüssel, insbesondere Traumatherapie. Dazu kommen Selbsthilfebücher, Unterstützungsgruppen, der Austausch mit anderen Betroffenen und die professionelle psychosoziale Unterstützung vom Ambulant Betreuten Wohnen. Auch Kreativität wie Schreiben oder Malen hilft vielen in unserer Situation, Emotionen auszudrücken. Struktur im Alltag gibt uns Sicherheit.
ABW: Was möchten Sie anderen Menschen über DIS mit auf den Weg geben?
Anna: Ich möchte, dass Menschen verstehen, dass DIS eine Reaktion auf extreme Umstände ist und dass wir nicht weniger wert oder fähig sind. Mit Verständnis und Therapie können wir ein erfülltes Leben führen. Offenheit und Geduld von anderen helfen uns dabei enorm.
ABW: Vielen Dank für Ihre Offenheit und dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben. Ich denke, das wird vielen Menschen helfen, mehr Verständnis für das Thema zu entwickeln.
Anna: Danke Ihnen. Es ist wichtig, darüber zu sprechen.
Wenn Sie Fragen zum Interview haben oder gern Informationen über die Hilfe Ambulant Betreutes Wohnen wünschen, zögern Sie nicht und sprechen uns gern an!
Marlen Kramer-Hirtz
