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„Ich habe gedacht, jetzt sterbe ich“

Der Syrer Rami Dahbour erzählt in der Tafel Quedlinburg von seiner Flucht nach Europa.

Syrien – das bedeutet Krieg, Not, Leid, Armut. Es ist Rami Dahbours Heimatland, aus dem er vor dreieinhalb Jahren flüchtete. Am Dienstag war er zu Gast in der Tafel Quedlinburg, um Angestellten und Interessierten seine Geschichte zu erzählen. Und die beginnt in einem Syrien, das wir in Europa so kaum kennen.

„Wir hatten Spaß. Ich hatte ein normales Leben, viele Freunde“, sagt Rami als er auf die Zeit um 2009 zurückblickt. Er war Anfang 20, Fußballfan, studierte BWL und arbeitete in einer Bar in Damaskus.
Er habe sich frei und sicher in seinem Land gefühlt, auch wenn es dort schon damals keine Demokratie gab. 24 Stunden am Tag Strom und Wasser waren selbstverständlich. „Mein Paradies war Syrien“, sagt der 29-Jährige und zeigt Bilder seiner Heimat, wie sie damals aussah. Die Städte waren belebt, Staus verstopften die Straßen. Frauen konnten ihre Wohnung unverhüllt verlassen.

Heute ist davon nichts geblieben:  Die nächsten Fotos zeigen Krieg, Zerstörung und Ruinen, menschenleere Straßen. „So ist unser Land jetzt“, sagt Rami. Die Menschen haben gelernt, mit Bomben und Raketen, Terroristen und Mafia zu leben. „Der Tod war normal“, erzählt der 29-Jährige. Nahezu täglich sterben Bekannte, Freunde oder Familienmitglieder. Es gibt nur alle paar Tage Wasser, gelegentlich Strom. Die Menschen leben in bitterer Armut. Der Krieg, den verschiedene Länder auf syrischem Boden austragen, habe bis heute eine halbe Million Todesopfer gefordert, 250.000 Menschen seien behindert, nennt Rami einige Zahlen.  

Sein Studium beendet Rami mitten im Krieg. Doch damit wird es für den jungen Mann ernst. In Syrien, so erzählt er, müssten Männer nach Ende ihrer Ausbildung in die Armee Assads eintreten. Für Rami unvorstellbar: „Ich will gegen keine andere Person kämpfen. Ich will mit Krieg nichts zu tun haben“, sagt er entschieden, zumal Assad seine Truppen gegen das eigene Volk einsetze.  
Gemeinsam mit seiner Familie entschied er, dass er weg muss. Doch keines der anderen arabischen Länder wollte nach 2011 Syrer aufnehmen. Aus dem Internet erfährt er: Europa nimmt Flüchtlinge auf. Seine Familie kratzt alle Reserven zusammen, um die Flucht zu finanzieren. „In unserer Kultur ist der Goldschmuck der Frauen eine Sicherheit“, erklärt er. Stirbt der Mann, ist sie fürs erste gut versorgt. Seine Mutter verkaufte ihren Schmuck trotzdem und gab ihrem Sohn 4.000 Euro für die gefährliche Reise nach Europa.

Am 10. September 2015 war sein letzter Tag in seiner Heimat, das letzte Mal, dass er seine Familie und Freunde sah. Dann bestieg er mit seiner Schwester, seinem Schwager und fünf Freunden einen Bus, der sie von Damaskus in den Libanon bringen sollte. Von dort fliegen sie in die Türkei.

„In der Türkei musste ich die Mafia finden“, erzählt Rami dann. Einige Zuhörer blicken ihn ungläubig an. Aber er braucht ein Boot, das ihn und seine Schwester über das Mittelmeer nach Griechenland bringt. 1.350 Euro bezahlt er für die gefährliche Reise, die in einer Katastrophe endet. Sie sollten ein kleines Boot besteigen, das für 18 Personen ausgelegt und nicht für offene Gewässer geeignet war. Immer mehr Menschen drängten auf das Boot. 30, 40, 50. Am Ende kauerten 65 Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge darin. Rami wollte aussteigen, das Risiko war ihm viel zu groß. Die bewaffneten Schleuser gaben ihm deutlich zu verstehen, dass er keine Wahl hat und schickten die Menschen aufs offene Meer.

Nach einer halben Stunde bekamen die Reisenden nasse Füße. Wenige Minuten später hörten sie ein seltsames Geräusch. Der Boden des Bootes war unter der viel zu großen Last gebrochen. „Ich habe nur Leute im Wasser gesehen. Ich habe gedacht, jetzt sterbe ich.“ Er stirbt nicht. Die türkische Polizei rettet die Überlebenden knapp eine Stunde nachdem das Boot untergegangen war. Zurück an Land muss er entscheiden, ob er zurück nach Syrien geht oder ein weiteres Mal die gefährliche Reise antritt. Er spricht mit seinem Vater, der ihm dazu rät, es noch einmal zu versuchen.

Erneut geht er einen Deal mit einer Mafiaorganisation ein, zahlt 1.400 Euro. Dieses Mal haben sie etwas mehr Glück. „Nur“ 38 Menschen sitzen in seinem Boot, das nachts in Griechenland ankommt. Rami und seine Freunde sind unendlich glücklich, Europa erreicht zu haben.

Von Griechenland reisen sie über Mazedonien, Serbien und Kroatien bis nach Österreich. Dort können sie das erste Mal duschen und etwas anständiges Essen. Die gesamte Reise habe er sich nur von „Snickers“ ernährt – weil es billig ist und sie kein Geld mehr hatten.

Rami will weiter nach Ostdeutschland. „Die Leute sind nett dort“, habe ihm sein Vater gesagt, der 1978 in Ostberlin war. Sie fuhren also weiter bis nach Halberstadt in die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber und später weiter nach Magdeburg. Hier erhielt er schließlich seine Aufenthaltserlaubnis, aber bis er seinen Deutschkurs beginnen konnte, sollte ein weiteres halbes Jahr vergehen. „Meine Integration in dieser Zeit war gleich null“, sagt er ehrlich. Alle Versuche, Anschluss zu finden, scheiterten – bis ein Freund ihm erzählte, dass das AWO Landesjugendwerk einen Bufdi suchte. Rami nutzte seine Chance – mit großem Erfolg.
Heute ist er Projektleiter des Nachbarschaftstreffs des AWO Landesverbands in Magdeburg. Hier leitet er einen arabischen Integrationskurs für Deutsche, einen Deutschkurs für Geflüchtete und bringt beide Seiten bei Veranstaltungen zusammen. Er gibt Workshops zu interkultureller Kompetenz, hilft Deutschen und Migranten bei der Jobsuche und engagiert sich als Vorstandsmitglied im AWO Landesjugendwerk. Seine Geschichte erzählt er in Schulen, vor Abgeordneten, bei der Polizei und allen, die ein offenes Ohr haben. Es sei nur eine von Millionen Geschichten geflüchteter Syrer, sagt er traurig.

Dennoch: Magdeburg ist nur seine zweite Heimat. „Wenn der Krieg vorbei ist, fliege ich zurück. Wir bauen Syrien wieder auf, nicht nur die Gebäude, auch die Menschen.“

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